Bericht der Tagesschau:
Psychisch kranke Straftäter

Behandeln, bevor es zu spät ist

Stand: 14.06.2025 12:46 Uhr

Quelle: https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/straftaeter-psychiatrie

Immer wieder machen Gewalttaten Schlagzeilen, bei denen der Täter psychisch erkrankt ist. Politiker propagieren einfache Lösungen, Experten sehen dagegen ein systemisches Problem und fordern Abhilfe.

Ob in AschaffenburgHamburg oder Mannheim - bei aufsehenerregenden Gewalttaten in den vergangenen Monaten wurde beim Täter oder bei der Täterin eine psychische Krankheit festgestellt. Einige von ihnen hatten bereits eine längere psychiatrische Vorgeschichte.

Mehrere Politiker forderten zuletzt ein Register psychisch kranker Straftäter. "Für diese Typen haben wir keine Raster", sagte CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann im Januar dem Deutschlandfunk. Es reiche nicht aus, Register für Islamisten und Rechtsextremisten anzulegen, sondern das müsse in Zukunft auch für psychisch Kranke gelten. Sicherheitsbehörden könnten so zum Schutz vor Gewalttätern besser mit Psychiatrien und Psychotherapeuten zusammenarbeiten, heißt es in einem Beschluss der CDU.

 

Massiver Widerstand gegen Register

Der Vorschlag wirft nicht nur massive rechtliche Fragen auf. Daniel Ehmke, ärztlicher Direktor der AMEOS Klinika Neustadt und Eutin, zu denen auch eine der größten forensischen Kliniken in Norddeutschland gehört, lehnt diesen Vorstoß ab. Über diese Menschen gebe es bereits eine Datenlage.

Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie gehört zu den Mitunterzeichnern einer Online-Petition, laut der ein solches Vorhaben psychisch Kranke in eine Reihe mit politischen Extremisten stellt und dadurch suggeriert, diese seien potenziell ebenso gefährlich. Die implizit geforderte Aufhebung der ärztlichen Schweigepflicht lege "die Axt an die Wurzel des Therapeuten-Patienten-Verhältnisses: das vertrauensvolle Gespräch im geschützten Raum".

Die Präsidentin der Bundespsychotherapeutenkammer, Andrea Benecke, sieht in dem CDU-Vorstoß eine "vollkommen rückständige und stigmatisierende Schaufensterpolitik". Menschen mit psychischen Erkrankungen seien als Gesamtgruppe nicht mit höherer Wahrscheinlichkeit gewalttätig.

"Register und eine Aufweichung der Schweigepflicht sind gefährlich, weil sie erkrankte Menschen stigmatisieren und die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen wirksame Behandlung suchen, reduzieren", heißt es in einer Stellungnahme.

 

Prävention und Behandlung statt Registrierung

Experten meinen, dass die Wahrscheinlichkeit für solche Straftaten vielmehr durch eine konsequente Präventionsarbeit verringert werden könnte. Allerdings scheitert dies oft an organisatorischen, rechtlichen und finanziellen Hürden.

Norbert Nedopil hat jahrzehntelang als forensischer Psychiater gearbeitet. Als Professor lehrte er an den Universitäten in Würzburg und München, als Gutachter ist er international geschätzt. Zu Nedopils Schwerpunkten gehören Rückfallprognosen sowie ethische und juristische Fragen.

 

 

 

 

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